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Embodiment – über das Zusammenspiel von Körper, Psyche und Geist

Feb 26, 2017 | Mattengeflüster, Yoga-Wissen

 Judith KirchmayrDie Wissenschaft des Yoga weiß schon seit Jahrtausenden um die komplexen Zusammenhänge von Körper, Seele und Geist. Die relativ junge Disziplin des Embodiment setzt sich ebenfalls mit diesen Zusammenhängen auseinander, vor allem aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Perspektive.


Judith Kirchmayr-Kreczi erklärt in diesem Interview, wie wir die Prinzipien des Embodiment nutzen können, zum Beispiel um Selbstbewusstsein aufzubauen oder unsere Stimmung aufzuhellen.

Was ist das überhaupt – Embodiment?

Embodiment bedeutet übersetzt Verkörperung, Verleiblichung. Es steht für den Einfluss körperlicher Vorgänge wie Haltung, Bewegung oder Muskelspannung auf die emotionale und geistige Befindlichkeit eines Menschen. Embodiment kann meines Erachtens als „nicht-sprachliches Körperwissen“ verstanden werden.

Ist Embodiment eine neue Wissenschaft?

Nein. Schon in den Jahrtausende alten Schriften des Yoga werden engste Wechselwirkungen zwischen Körper, Emotion und Geist erkannt und körperliche Impulse für die geistige Entwicklung benutzt. Vielen zeitgenössischen Körpertherapien (zb. Alexandertechnik, Feldenkrais, Body-Mind-Centering) und Psychotherapien (allen voran der Gestalttherapie) liegen Konzepte über die Bedeutung des Soma, der Leiblichkeit zugrunde. Neu sind nur der Begriff Embodiment und die westlich-wissenschaftliche Beweisführung unserer modernen Kognitionswissenschaften zu diesem Thema.

Wie arbeitet man mit Embodiment?

Indem man etwa bei Entscheidungen nicht nur auf kognitives Wissen und Erfahrung, sondern von vornherein auf körperliche und emotionale Marker achtet – also körperliche Empfindungen wie Druck oder Temperatur in bestimmten Körperregionen sowie tiefe Gefühle von Einverständnis oder Abwehr. Im Alltagsleben wird Embodiment „praktiziert“, indem man auf eine gute körperliche Ausrichtung achtet. Aufrechte Haltung, offener Blick, fließender Atem, leichter Gang, koordinierte Bewegungen – das alles trägt maßgeblich dazu bei, nicht nur den Tag schöner und erfüllter zu erleben, sondern sich gesund zu erhalten.

Man kann also durch Veränderungen auf körperlicher Ebene auf die eigenen Gefühle einwirken?

Meine erste bewusste Begegnung mit Embodiment war diese: Auf einem Seminar hatten wir TeilnehmerInnen die Aufgabe, einen motivierenden Satz für ein wichtiges Ziel in unserem Leben positiv und überzeugend zu formulieren und auszusprechen. Als wir das in der Runde taten, fiel uns allen auf, dass wir manchen Leuten ihre Sätze sofort „abkauften“, und wir meinten, dass sie dieses Ziel ganz sicher erreichen würden. Bei anderen war fühlbar, dass hier etwas nicht stimmte – sie sagten zwar laut und deutlich ihre Sätze, aber wir sahen schwarz für die Zielerreichung.

„Seht ihr“ sagte unsere Therapeutin dazu, „es genügt nicht, wenn nur der Geist etwas weiß oder will. Der Körper muss es wissen, fühlen, wollen, und davon geradezu begeistert sein. Dann klappt es.“

Das war 1989, gerade einmal ein Jahr nach der offiziellen, wissenschaftlichen „Entdeckung“ des Phänomens Embodiment durch eine Forschergruppe, die Experimente mit verschiedenen Gesichtsausdrücken machte. Sie konnte zeigen, dass Personen, die einen Bleistift auf eine bestimmte Art mit den Lippen gehalten hatten, danach fröhlicher gestimmt waren als die Kontrollgruppe, die dies nicht getan hatte. Die neutrale Stimulierung bestimmter Muskelketten hatte also eine direkte Wirkung auf die Gefühlslage.

Gibt es noch andere Beispiele dafür, wie Embodiment wirkt?

Spätere Experimente verschiedener ForscherInnen belegten, kurz und salopp zusammengefasst, noch mehr verblüffende Wirkungen des Körpers auf Emotion und Geist:

  • Wer auf einem Podest steht, ist bei der Beurteilung anderer Menschen milder gestimmt.
  • Ein bitterer Geschmack im Mund lässt uns das Verhalten anderer strenger beurteilen.
  • Wenn uns jemand dazu bringt, eine zeitlang mit dem Kopf zu nicken, stimmen wir auch zu kritischen Themen leichter mit Ja, als wenn wir vorher den Kopf geschüttelt hätten.
  • Wenn wir mit den Händen einige Sekunden lang von oben nach unten auf eine Tischplatte drücken (geh-weg Bewegung), greifen wir signifikant weniger zu Keksen als wenn wir mit den Händen von unten nach oben (komm-her Bewegung) gedrückt haben.
  • Wer Spenden sammelt, sollte sich ans obere Ende einer nach oben fahrenden Rolltreppe hinstellen, dort wird deutlich mehr gespendet als unten an der nach unten fahrenden.
  • Wer ein schlechtes Gewissen hat, neigt dazu, sich öfters zu waschen, als jemand der sich moralisch für einwandfrei hält.
  • Mit einer warmen Kaffeetasse in den Händen wird die ganze Person freundlicher, wärmer und großzügiger gegenüber Mitmenschen.
  • Wer häufig mit Botox seine Gesichtsmuskeln lähmt, verliert zunehmend die Fähigkeit, Gesichstzüge anderer zu lesen, baut also emotionale Intelligenz ab.

Du meintest, im Prinzip seien die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Psyche schon sehr lange bekannt, zum Beispiel im Yoga …
KörpertherapeutInnen, TänzerInnen, SchauspielerInnen und PsychotherapeutInnen vieler Schulen arbeiten schon jahrzehntelang erfolgreich mit Begriffen und Konzepten wie Leiblichkeit, Leibhaftigkeit, organische Aufrichtigkeit, Körperwissen, Körperweisheit oder Körperwahrheit.

Neu ist allerdings, dass nun auch die Kognitionswissenschaften (die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Psychologie, Neurowissenschaft, Informatik, Linguistik, Philosophie, Anthropologie und Soziologie) untersuchen und beweisen, dass nicht nur der Geist den Körper beeinflusst, sondern gleichwohl körperliche Spannungsmuster und körperliche Zustände Psyche und Geist beeinflussen.

Dies wurde in den letzten 25 Jahren wissenschaftlich für wahr erkannt und eine Vielzahl von bisher von unserem Medizinsystem eher kritisch gesehenen oder sogar belächelten körperorientierten Verfahren – wie zum Beispiel Yoga – werden nach und nach ob ihrer Wirkung vollkommen rehabilitiert.

Yoga kann aus westlich-wissenschaftlicher Sicht als eine Jahrtausende alte Schule des gelungenen Embodiments verstanden werden.

Es heißt, Yoga sei zu 99 % Praxis und zu 1 % Theorie. Braucht es aus deiner Sicht überhaupt all diese Studien und wissenschaftlichen Beweise?

Die positiven Wirkungen und Wechselwirkungen einer guten Asana- und Pranayamapraxis auf Körper, Psyche und Geist sind durch unzähligen Studien wissenschaftlich belegt. Erfahrenen Yogis und Yoginis mag diese westliche Beweisführung überflüssig scheinen, sie wissen und spüren schon längst an sich selbst die heilenden Wirkungen einer achtsamen Praxis.

Für ein zeitgemäßes, anatomisch und physiologisch „upgedatetes“ und den Verhältnissen unserer Kultur angemessenes Yoga ist der interdisziplinäre wissenschaftliche Diskurs allerdings von großer Bedeutung. Denn wir haben nicht nur Körper und Gehirne der Neuzeit, sondern auch Bewegungs-, Beziehungs- und Denkmuster unserer Zeit. Diese bringen wir in den Yogaunterricht mit und lernen, damit in Balance zu kommen. Dabei sind neue Erkenntnisse immer willkommen! Schließlich schadet es niemandem, wenn nun auch HirnforscherInnen herausfinden, warum Patanjali schon vor 2000 Jahren sowas von Recht hatte…

Anmerkung: Patanjali wird auch als „Vater des Yoga“ bezeichnet. Der indische Gelehrte gilt als Verfasser des Yogasutra, eines der zentralsten und wichtigsten Texte des Yoga. 

Buchtipps:

Maja Storch/Benita Cantieni/Gerald Hüther/Wolfgang Tschacher: Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen

Reginald A. Ray: Die Intelligenz des Körpers (Buddhistisch inspirierte Körperarbeit als Schlüssel zur Heilung und Selbstverwirklichung)

Klaus W. Vopel: Die Weisheit des Körpers: Phantasiereisen und Meditationen

Anna E. Röcker: Die Spiritualität des Körpers: Mit Leib und Seele leben

Leibbewegungen, Herzkreise und der Tanz der Würde: Methoden und Modelle der Tanz- und Bewegungstherapie (Fachbücher therapie kreativ)

Beitragsbild: ©nickolya – Fotolia.com

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